IN GOTT IST KEINERLEI STRENGE
Sinfonische Dichtung nach Texten von Martin Luther, Claus Harms, Kabir, Anke Maggauer-Kirsche, Frére Rogér, Paul Ricoeur
für Sopran und großes Sinfonieorchester

op. 106 (2010)

Auftragskomposition des “Kulturforum Landlwoche“ 2010 (Obmann: Mag. Kurt Tischlinger)

Partiturseite

 

CHOR: 1. Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen.
Er hilft uns frei aus aller Not, die uns jetzt hat betroffen.
Der altböse Feind, mit Ernst er’s jetzt meint;
groß Macht und viel List sein grausam Rüstung ist,
auf Erd ist nicht seinsgleichen.

Martin Luther (1483-1546), war der theologische Urheber und Lehrer der Reformation

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SOPRAN: "Dennoch" ist ein schönes Wort,
"Dennoch" heißt mein Glaube;
"Dennoch" sag' ich fort und fort,
Ob ich lieg' im Staube,
Ob ich steh'
Auf der Höh'
In des Glückes Schimmer,
"Dennoch" sag' ich immer.

Ob ich bleib' ein armer Mann
Und die Andern prangen,
Da ich weder will noch kann,
Wie sie es verlangen;
Ob der Welt
Es gefällt,
Mich darum zu plagen:
"Dennoch" will ich sagen.

Dennoch will ich stille sein
Und an Gott mich halten;
Dennoch laß ich ihn allein,
Meinen Vater, walten;
Dennoch meint
Er, mein Freund,
Es mit mir aufs Beste:
Damit ich mich tröste.

Klaus (Claus) Harms, (1778 - 1855), deutscher evangelischer Theologe, Dompropst in Kiel

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CHOR: 2. Mit unsrer Macht ist nichts getan, wir sind gar bald verloren;
es streit’ für uns der rechte Mann, den Gott hat selbst erkoren.
Fragst du, wer der ist? Er heißt Jesus Christ,
der Herr Zebaoth, und ist kein andrer Gott,
das Feld muß er behalten. Martin Luther

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SOPRAN: O Mensch, wo suchst du mich?
Sieh doch! Ich stehe neben dir.
Weder in Tempeln noch in Moscheen wohne ich.
Weder in der Kaaba noch in der Kâilas:
Weder in Riten noch Zeremonien,
noch in Yoga oder Entsagung.
Wenn du mich wahrhaftig suchst,
wirst du mich auch erblicken:
wirst du mich treffen im Nu.
Sieh doch! Ich stehe neben dir.

Kabir, (1440 - 1518), indischer Heiliger, als ausgesetztes Kind von einem mohammedanischen Weber erzogen, Kabir verwarf alle Riten, Askese, Fasten, Almosenzwang und das Kastenwesen


CHOR: 3. Und wenn die Welt voll Teufel wär und wollt uns gar verschlingen,
so fürchten wir uns nicht so sehr, es soll uns doch gelingen.
Der Fürst dieser Welt, wie sau’r er sich stellt,
tut er uns doch nicht; das macht, er ist gericht’:
ein Wörtlein kann ihn fällen. Martin Luther

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SOPRAN: Gott
wie soll ich dir sagen
ich finde keinen Namen
Worte und Räume
taugen nichts für dich
wenn ich dich mir denke
wenn ich dich fühle so weit ich kann
weißt du
da komme ich irgendwie
in der Grenzenlosigkeit an

mit freundlicher Genehmigung von: Anke Maggauer-Kirsche, (*1948), deutsche Lyrikerin, Aphoristikerin und Betagtenbetreuerin in der Schweiz, Verlag Wegwarte

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CHOR: 4. Das Wort sie sollen lassen stahn und kein’ Dank dazu haben;
er ist bei uns wohl auf dem Plan mit seinem Geist und Gaben.
Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib:
laß fahren dahin, sie haben’s kein’ Gewinn,
das Reich muß uns doch bleiben. Martin Luther

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SOPRAN: In Gott ist keinerlei Strenge, keinerlei Wille zu bestrafen.
Das Ergreifendste am Evangelium ist das Verzeihen, das Gott uns schenkt,
und dass auch wir den anderen gewähren. ...
Sind die Christen heute nicht mehr denn je dazu berufen, dort, wo sie stehen,
unersetzlicher Sauerteig der Gemeinschaft zu sein?
Wie können die Christen da getrennt bleiben?

Frére Roger (1915-2005), Gründer und lebenslanger Prior der
Brudergemeinschaft von Taizé ( Frankreich)

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„Die Güte bricht sich Bahn“
Was ich in Taizé suche? Ich würde sagen, eine Erprobung dessen, was ich zutiefst glaube: dass das, was man gemeinhin „Religion“ nennt, etwas mit Güte zu tun hat. Die Traditionen des Christentums haben dies ein wenig vergessen. Es gibt eine Art Einengung, Beschränkung auf die Schuld und das Böse. Ich unterschätze dieses Problem keineswegs; es hat mich über mehrere Jahrzehnte sehr beschäftigt. Aber ich kann nicht umhin, eines nachzuvollziehen: So radikal das Böse ist – es ist nicht so tief wie die Güte. Und wenn die Religion, bzw. die Religionen einen Sinn haben, dann den, den Bodensatz an Güte der Menschen freizulegen, ihn dort zu suchen, wo er vollständig versickert ist. Hier in Taizé sehe ich in gewisser Weise, wie die Güte sich Bahn bricht, in der Brüderlichkeit unter den Brüdern, in ihrer gelassenen, taktvollen Gastfreundschaft und im Gebet. Ich sehe Tausende von Jugendlichen, die vom Guten und Bösen, von Gott, von der Gnade und von Jesus Christus nicht in einer ausgeprägt begrifflichen Sprache reden, aber in tiefer Hinwendung zur Güte leben.
Paul Ricœur (1913-2005), französischer Philosoph